Yama ist gemäß einer seiner beiden Hauptbedeutungen ein in verschiedenen Yogaschriften näher erläuterter Verhaltenskodex für ein tugendhaftes Leben, bzw. auch eine einzelne darin enthaltene Verhaltensregel. Sicherlich am geläufigsten ist in diesem Zusammenhang die Erwähnung im Yoga Sutra. Dort beschreibt der Verfasser Patanjali den sogenannten Ashtanga Yoga, an anderer Stelle auch Raja Yoga genannt, als einen Übungsweg, der – wie der Name schon sagt – aus acht Teilen besteht. Die fünf Yamas, die in ihrer Gesamtheit den ersten der acht Bestandteile darstellen, heißen auf Sanskrit

  1. Ahinsa, Gewaltlosigkeit,
  2. Satya, Wahrhaftigkeit,
  3. Asteya, „Nicht-Stehlen“,
  4. Brahmacarya, Keuschheit und
  5. Aparigraha, Zurückweisung von Bestechungsversuchen.

Lies dazu Yoga Sutra, Sadhana Pada 28 – 31 und 34 – 39.

Während Yama als erster der acht Bestandteile des Ashtanga Yoga vom Umgang mit anderen Menschen handelt, so regelt der zweite Bestandteil des Ashtanga Yoga, der Niyama genannt wird, Verhaltensweisen oder Handlungen, die sich auf die eigene Person bzw. die eigene Spiritualität beziehen.

Im Yoga Sutra werden fünf Yamas aufgeführt. In ähnlicher Weise geben auch andere klassische Schriften Anleitungen für die spirituelle Praxis, so z.B. die Hatha Yoga Pradipika, die Varaha Upanishad, die Shandilya Upanishad und das Yogayajnavalkya. Anders als das Yoga Sutra erwähnen diese Schriften jedoch zehn Yamas, nämlich

  1. Ahinsa, Gewaltlosigkeit,
  2. Satya, Wahrhaftigkeit,
  3. Asteya, „Nicht-Stehlen“,
  4. Brahmacarya, Keuschheit,
  5. Daya, Güte,
  6. Arjava, Gleichmut,
  7. Kshama, Nachsichtigkeit,
  8. Dhriti, Ausdauer,
  9. Mitahara oder Annatpurusha, Mäßigung im Essen und
  10. Shauca, Reinheit in doppelter Hinsicht, nämlich körperlich wie geistig.

Yama ist seiner anderen Hauptbedeutung nach auch eine ursprünglich vedische Gottheit, die den Tod personifiziert. Meist wird Yama als König dargestellt. Seine Haut schimmert grün. Er trägt eine Keule und ein Seil, manchmal auch Schwert und Schild. Sein Begleittier ist eigentlich ein Büffel, oft wird er aber auch mit Hunden abgebildet. Yama regiert die Unterwelt und gewährt den Geistern der Verstorbenen eine Bleibe. Er gilt als der Sohn der Sonne, bzw. der Sonnengottheit Vivasvan, in den Vedas teils gleichbedeutend mit den Gottheiten Surya und Aditya. Seine Zwillingsschwester heißt Yami oder Yamuna. Nach der älteren vedischen Überlieferung sind Yama und Yami die ersten Menschen und als solche natürlich sterblich. Yama gilt auch als der „Erstgestorbene“ und als die erste verstorbene Seele, die in den Himmel gelangte. So wurde er in der späteren vedischen Überlieferung zum Herrscher über das Totenreich. Als Dharmaraja richtet Yama über die Tugendhaftigkeit der Menschen. Laut der indischen Mythologie belohnt oder bestraft er am Ende des Lebens die Taten des Menschen und bestimmt den weiteren Schicksalsweg der Seele im Jenseits. In einer der berühmtesten Upanishads, der Katha Upanishad, auch Kathaka Upanishad tritt Yama als Lehrer auf und unterweist einen Jungen namens Naciketa in der Philosophie von Atman und Brahman. Wie anderen bereits zu vedischer Zeit (1500 bis 500 v. Chr.) verehrten Gottheiten widerfuhr auch Yama im Laufe der Jahrhunderte ein Bedeutungswandel. Er spielt im heutigen religiösen Leben Indiens keine allzu große Rolle mehr, wird aber immerhin noch als einer der acht Lokapalas verehrt und ist als solcher für die Himmelsrichtung Süden zuständig.

Im Glossar (siehe Sidebar) findest Du eine Erklärung aller rot markierten Begriffe sowie die für die Aussprache maßgebliche Schreibweise in Devanagari und IAST.