Was ist eigentlich „Devanagari“?

Devanagari ist eine Schrift, in der mehrere indische Sprachen geschrieben werden, z.B. Sanskrit, Hindi, Marathi, Nepali, z.T. auch Kashmiri und Sindhi. Sie stammt direkt von der Brahmi-Schrift ab, (bis 500 v. Chr. zurückzuverfolgen). Die Brahmi-Schrift wiederum ist vermutlich ein Abkömmling der östlichen aramäischen Schrift. Auch andere indische Sprachen verwenden Schriften aus der Brahmi-Familie. Devanagari bedeutet übrigens wörtlich übersetzt „Stadt der Götter“.

Die Devanagari gilt als sogenannte Abugida. Die Abudiga ist ein bestimmter Schrifttypus, der eine Zwischenstufe zwischen echter Silbenschrift und Buchstabenschrift bzw. Alphabet darstellt. Die Abugida verfügt genau wie die Silbenschrift über Zeichen (Glyphen oder Syllabogramme genannt), die jeweils eine ganze Silbe abbilden, jedoch beinhaltet sie außerdem noch kleine Zusatzzeichen (Diakritika genannt), die an Glyphen angefügt werden können, um deren Bedeutung zu beeinflussen. Im Falle der Devanagari gibt es Glyphen für Silben, die aus Vokalen bestehen und Glyphen für Silben, die mindestens einen Konsonanten und ein kurzes a beinhalten. Da also alle Konsonanten zunächst mit einem kurzen a verbunden sind, spricht man von einem „inhärenten“ Vokal. Durch das Anfügen von Diakritika kann dieser inhärente Vokal in jeden anderen Vokal geändert, nasaliert, aspiriert oder auch ersatzlos eliminiert werden. Damit entsteht genau genommen eine neue Glyphe, wobei Diakritika selbst nicht als Glyphen gelten, da sie keinen eigenständigen Charakter aufweisen. Jedoch stellen Diakritika wie auch Glyphen vollwertige Grapheme dar, da beide die gesprochenen Laute beeinflussen. (Glyphen gelten dabei als bedeutungstragend, Diakritika immerhin als bedeutungsbeeinflussend.) Da in Devanagari – bis auf eine einzige Ausnahme – jedes Graphem (ob nun Glyphe oder Diakritikum) jeweils nur einen einzigen Laut, bzw. Phonem abbildet, spricht man von einer – zumindest weitestgehenden – „Graphem-Phonem-Korresponzenz“. Die Ausnahme bildet hierbei ein Diakritikum namens Bindu, manchmal auch als Candrabindu geschrieben. Vokale werden nur im Silbenanlaut – also am Beginn eines Wortes oder im Anschluss an einen anderen Vokal – als eigenständige Glyphe voll ausgeschrieben, nach einem Konsonanten nur als Diaktitikum, also als angefügtes Vokalzeichen. Im Gegensatz zu Konsonantenschriften wie Arabisch und Hebräisch ist die Verwendung der Vokalzeichen jedoch stets bedeutungsbeeinflussend und damit auch zwingend erforderlich.

Wenn bei zwei oder mehreren aufeinanderfolgenden Konsonanten die inhärenten Vokale der vorderen Konsonanten entfallen, werden in der Regel alle zu einer einzigen, neuen Glyphe, einer sogenannten Ligatur, verbunden. Die Devanagari verfügt über mehrere hundert Ligaturen. Die Devanagari kennt übrigens keine Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung. Sie wird von links nach rechts geschrieben, jedoch gilt hierbei zu beachten, dass die lineare Abfolge der Grapheme, die eine Glyphe bilden, nicht zwingend der Folge der gesprochenen Laute entspricht. Bei alten Sanskrit-Texten wurde Devanagari in einer sogenannten Scriptura Continua geschrieben, d.h. die von der oberen horizontalen Linie, der sogenannten Rekha zusammengehaltenen Glyphen stellen meist mehr als ein Wort dar; Wortabstände existieren somit nicht. Die Linie wird nur durch bestimmte Glyphen, bzw. Ligaturen oder am Zeilenende unterbrochen. Heutzutage werden Devanagari-Texte in Pausa-Form geschrieben, d.h. die Rekha wird nach jedem Wort unterbrochen.

In unseren Publikationen wenden wir bei der Transkription von Mantras und Sanskrit-Texten sowie bei Herleitung von Wörtern aus dem Sanskrit stets das „International Alphabet of Sanskrit Transliteration“ (IAST) an, das derzeit dem internationalen wissenschaftlichen Standard entspricht. Es beinhaltet diverse diakritische Zeichen, die es ermöglichen, alle Laute der Devanagari in lateinischer Schrift eindeutig abzubilden. Aus Gründen der allgemeinen Lesbarkeit haben wir uns jedoch entschieden, es bei der Darstellung von Sanskrit-Begriffen im normalen Text bei der stark vereinfachten Schreibweise ohne Diakritika zu belassen. Im Internet werden Devanagari und die Sonderzeichen des IAST nur durch Schriften zuverlässig dargestellt, die dem sogenannten Unicode-Standard entsprechen. Falls Du wissen möchtest, wie man von Devanagari nach IAST transkribiert oder wie man die Phoneme des Sanskrit korrekt intoniert, dann ließ unser Tutorial zu diesem Thema.

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