Was isst ein Yogi?

Wir alle wissen, Yoga ist ein weites Feld, das Vieles beinhaltet, zu viel, um alles in einem Menschenleben zu durchdringen. Ganzheitlicher Yoga bezieht den ganzen Menschen mit all seinen Bedürfnissen und Tätigkeiten mit ein. Eine von vielen Facetten des Yoga, insbesondere des Hatha Yoga stellt die Ernährung dar. Schon immer versuchen die Yogis auch und besonders durch die Art ihrer Ernährung Sattva, Reinheit zu erreichen. Wie genau eine sattvige Ernährung auszusehen hat, kann von Tradition zu Tradition etwas unterschiedlich sein. Die meisten klassischen Linien verstehen sattvige Ernährung als eine möglichst maßvolle, einfache und natürliche Ernährung, die aber durchaus auch den konsequenten Verzicht auf einige, vielleicht sehr lieb gewonnene Nahrungsmittel bedeutet. Manche Yogis ernähren sich ayurvedisch, jedoch ist hier zu beachten, dass sich Grundsätze wie auch Zielsetzung der im Ayurveda und im Yoga empfohlenen Arten der Ernährung teilweise erheblich unterscheiden. Ein wichtiger Grundsatz im Yoga, ein sogenannter Yama, ist Ahinsa, Gewaltlosigkeit. Deswegen ernähren sich die Yogis schon immer vegetarisch, genauer gesagt laktovegetarisch. Man muss hier jedoch sagen, dass nur eine vollständig vegane Lebensweise Tiere vor Gewalt, Gefangenschaft und Ausbeutung zu schützen vermag.

Für die meisten, die klassischen Yoga üben, stellt sich irgendwann die Frage nach der optimalen Ernährung. In meiner Tätigkeit als Yogalehrer habe ich schon des öfteren die Erfahrung gemacht, dass in Schülern, die sehr intensiv und mit Begeisterung üben, schnell und ganz von alleine der Wunsch nach einer sattvigen Ernährung erwacht, ohne das diese als Einschränkung und Verlust von Lebensqualität begriffen würde. Yoga sollte unser Leben reicher und schöner machen, nicht ärmer und freudloser. Daher ist auf jeden Fall in die Überlegungen, die die eigene Ernährung betreffen, auch der persönliche Lebenskontext mit einzubeziehen, d.h. Partner, Familie, Tagesablauf, etc. In Beziehungen können veränderte Ernährungsgewohnheiten erhebliche Spannungen verursachen. Auf jeden Fall darf man in Ernährungsfragen nicht ideologisch werden, sondern sollte pragmatisch bleiben, d.h. Aufwand und Nutzen abwägen. Beim Üben von Asanas oder Meditation ist eine sattvige Ernährung auf jeden Fall sehr hilfreich, aber kein absolutes Muss. Wie weit man die Regeln einer klassischen, sattvigen Ernährung befolgt, kann und muss jeder für sich entscheiden. Nur wer fortgeschrittenen Pranayama üben möchte, muss sich im eigenen Interesse unbedingt und konsequent sattvig ernähren (!)

Im Yoga lernen wir, ein Gespür für uns und das, was uns entspricht zu entwickeln. Ich habe in meinem Leben schon viel über Ernährung gelesen und, was wichtiger ist, selbst viel ausprobiert. Seit 2003 ernähre ich mich sattvig und seit 2004 vegan (mit einem halben Jahr Unterbrechung). Ich hatte schnell den Drang, mich konsequent yogisch zu ernähren. Anfangs war dies nicht immer ganz leicht, z.B. wenn ich bei Freunden zum Essen eingeladen war oder auch bei Geschäftsessen mit Kunden, als ich noch Angestellter in einer Firma war. Zu Anfang ging ich in bestimmten Situationen Kompromisse ein, um meine Mitmenschen nicht vor den Kopf zu stoßen und gesellschaftlich zu „funktionieren“. Doch danach habe ich mich jedes Mal über mich selbst geärgert, so lange bis ich gelernt hatte, zu meiner Lebensart zu stehen. Ich möchte hier allerdings auch hinzufügen, dass ich zu dieser Zeit bereits wusste, dass ich das Unterrichten von Yoga zu meinem Broterwerb machen möchte und dass ich Singel war. Heute ist die richtige Ernährung für mich eine der Grundvoraussetzungen um meinen Beruf gut ausüben zu können.

Wer beginnen möchte, sich sattvig zu ernähren, sollte am besten schrittweise vorgehen. d.h. zunächst einmal ganz auf Fleisch verzichten, und danach Schritt für Schritt weiter gehen. Dabei ist es sehr wichtig, das eigene Wohlergehen nicht aus den Augen zu verlieren und keinesfalls gegen sich zu handeln – auch das bedeutet Ahinsa! Jedoch sollte man auch zu unterscheiden lernen zwischen Hunger und Appetit, zwischen wirklichen Bedürfnissen und Gelüsten. Ich behaupte, wirklichen Hunger kennen die wenigsten von uns. Eine vollstänig sattvige Ernährung schließt den Genuss von Fleisch (auch Geflügel, Fisch, Wurst, Fleischbrühe, Gelatine, thailändische Fischsoße, tierischer Lab im Käse) und Eiern aus, da sie zu Tamas, Dumpfheit führen. Ebenso verzichten die Yogis auf alles zwiebelartige, also im Wesentlichen auf Knoblauch und Zwiebeln, aber auch auf Lauch, Bärlauch, Schnittlauch etc. (Vorsicht bei fertigen Gewürzmischungen!). Die Tatsache, dass sattvige Ernährung Zwiebeln und Knoblauch ausschließt, erscheint vielen Menschen unverständlich, zumal Knoblauch sehr viele positive Eigenschaften, wie z.B. eine natürliche antibiotische Wirkung nachgesagt werden. Wer aber schon einige Jahre regelmäßig meditiert und es gewohnt ist, auf den Genuss von Zwiebelgewächsen zu verzichten, der weiß ganz genau, wie schwer es fällt zu meditieren, nachdem man – vielleicht versehentlich – doch einmal Zwiebeln oder Knoblauch, und sei es nur in Spuren, gegessen hat. Zwiebeln und Knoblauch bewirken eine starke Verunreinigung der Koshas (Hüllen) des feinstofflichen Körpers, wodurch die in uns wirkenden Energien und Gedanken erheblich ins Ungleichgewicht geraten. Dass man davon nichts mitbekommt, wenn man sein Leben lang Zwiebeln und Knoblauch verspeist, liegt ganz einfach daran, dass man bisher nichts anderes als den damit zusammenhängenden Zustand kennengelernt hat. Des Weiteren werden alle Drogen gemieden, auch die weichen Drogen wie Koffein und Teein, ganz zu schweigen von Alkohol. Alles Vergorene oder Verschimmelte gilt als verdorbenes Lebensmittel, ebenso Fermentiertes (also auch Essig und sehr streng genommen auch alle Käsesorten außer Frischkäse). Zucker und Schokolade sollte man auf ein Minimum reduzieren, ebenso Öl, besonders in erhitztem Zustand, wie etwa beim Braten oder Frittieren.

Auch wenn es im hektischen Alltag schwierig sein mag, sollte man sich seine Nahrung, so weit es eben möglich ist, selbst und möglichst liebevoll zubereiten, so dass sie ganz den persönlichen Bedürfnissen und Vorlieben entspricht, sich außerdem genügend Zeit zum Essen nehmen und die Nahrung durch Aufmerksamkeit während des Essens würdigen. (Ein kurzes Tischgebet in Stille ist übrigens keinesfalls eine schlechte Idee.) Man sollte nicht zu viele Sachen durcheinander essen und sich auch nicht überfressen. Die meisten Yogis beschränken sich auf zwei Mahlzeiten am Tag, um dem Körper genügend Zeit zu lassen, die Nahrung zu verdauen, hinauszubefördern und sich zu entgiften. Auf andauerndes Naschen zwischen den Mahlzeiten sollte man also verzichten. Manche Yogis trinken direkt nach der täglichen Praxis ein Glas kalte Milch. Zu den klassischen, sattvigen Nahrungsmitteln zählen Obst, Gemüße, Getreide, Hülsenfrüchte und Milchprodukte.

Ich selbst ernähre mich, wie bereits erwähnt, seit einigen Jahren vegan. Milch, wie auch alle daraus hergestellten Produkte beeinflussen den Stoffwechsel ungünstig, was damit zusammenhängt, dass die Natur sie nur für Säuglinge vorgesehen hat (Kein erwachsenes Tier trinkt Milch!) Immer wieder habe ich mit Rohkost experimentiert und mich mehrmals über mehrere Monate ausschließlich von veganer Rohkst, manchmal reiner Obstrohkost ernährt. Diese Kost empfand ich auf die Dauer jedoch als zu wenig ausgewogen, so dass ich die Versuche nach einigen Monaten immer wieder abbrechen musste. Heute esse ich etwas reichhaltiger und abwechslungsreicher. Ich meide Fertig- oder Konservennahrung, und esse ausschließlich frische, naturbelassene Lebensmittel. Wenn ich doch ein Nahrungsmittel kaufe, das in irgendeiner Weise verpackt ist, dann lese ich die Liste der Zutaten sehr aufmerksam. Zusatzstoffe wie künstliche Konservierungs-oder Färbemittel, Geschmacksverstärker und Süßstoffe meide ich konsequent. So weit es geht kaufe ich Biolebensmittel. Ich dünste mir mein Gemüse kurz an, aber wirklich nur so kurz, dass es richtig viel Biss hat und noch eher roh als gekocht ist. Dazu esse ich viel Tofu. Eiweiß beziehe ich hauptsächlich über Tofu, den ich zwei Mal am Tag in größerer Menge esse, meist angebraten (ohne Öl!). Tofu versorgt meine Muskulatur mit ausreichend Eiweiß und erhält meinem Blut eine durchgehend positive Stickstoffbilanz. Soyaeiweis besitzt zwar eine geringere sogenannte biologische Wertigkeit als Fleisch oder Eier, jedoch spielt die geringere Wertigkeit von Soyaeiweiß keine allzu große Rolle, da man sie leicht über die verzehrte Menge ausgleichen kann. Soyaprodukte enthalten außerdem sogenannte Isoflavone, d.s. Stoffe, die eine ähnliche allerdings sehr viel schwächere Wirkung haben wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen (man spricht deswegen auch von Phytoöstrogenen). Diese Stoffe stimulieren gerade aber auch den männlichen Hormonstoffwechsel auf sehr positive Weise. Außer Tofu esse ich keine Hülsenfrüchte, da sie mir ein zu lange anhaltendes Völlegefühl verursachen, dass mich bei meiner Yogapraxis behindert. Aus dem selben Grund esse ich auch kein Müsli. Übrigens halte ich – und darüber mögen sich einige Yogis empören – typisch indisches Essen für wenig geeignet um die Yogapraxis zu unterstützen, auch wenn Yoga aus Indien stammt. Ich finde es, aufgrund der vielen Hülsenfrüchte zu schwer, viel zu lange gekocht, viel zu stark gewürzt, viel zu fettig. Im Gegensatz zu früheren Jahren lasse ich heute weitestgehend die Finger von Getreide (außer beim veganen Apfelkuchen meiner Mutter, der beste der Welt!). Getreideprodukte, also Brot, Pasta, Reis, Couscous, Bulgur, Hirse, Quinoa etc. empfinde ich als zu kohlenhydratreich. Ich habe lange die Erfahrung gemacht, dass mir Getreideprodukte sehr viel Energie geben, meinem Blutzuckerspiegel jedoch eine Art Achterbahnfahrt bescheren. Seitdem ich Kohlenhydrate hauptsächlich über Gemüse und Obst beziehe, fühle ich mich viel gleichmäßiger und langanhaltender versorgt und habe auch eine bessere Verdauung. Nur selten esse ich mein Gemüse in Form von rohem Salat, hauptsächlich aber weil ich Essig und Öl meide. Ich habe zwei Mahlzeiten am Tag, z.Zt. eine morgens, nach dem Üben, und eine abends (leider meist sehr spät abends, was mit meinen Unterrichtszeiten zusammenhängt). Morgens Esse ich gebratenen Tofu mit Obst (am liebsten Ananas, Äpfel und reife Bananen, so gut wie kein Steinobst, wegen der Gärung, und kein Trockenobst, da die langkettigen Fruchtzuckermoleküle beim Trocknen und Lagern zu kurzkettigen Molekülen zerfallen, die auf den Stoffwechsel eine ähnliche Wirkung haben, wie Industriezucker). Abends esse ich Tofu mit gedünstetem Gemüse, je nach Angebot und Saison, des Geschmacks wegen gerne mit Kokosmilch und Tamari, einer Art Soyasoße (Soyasoße ist aber ihrer Fermentierung wegen nicht als sattvig einzuordnen). Ich trinke fast ausschließlich Mineralwasser, ab und zu frisch gepresste Säfte und sehr gerne täglich ein bis zwei Tassen entkoffeinierten Kaffees mit ein wenig Zucker. Der Kaffee ist ein kleines Laster von mir.

Nicht verschweigen möchte ich, dass ich mittlerweile täglich mehrere verschiedene vegane Nahrungsergänzungsmittel zu mir nehme. Die ersten Jahre, nachdem ich Veganer wurde, hielt ich das für absolut nicht notwendig. Aber nach einigen Jahren machte sich doch ein Mangel an Nährstoffen bemerkbar, wohl hauptsächlich an Eisen und B-Vitaminen. Das tückische ist, dass der Mangel stark zeitverzögert auftritt, oft erst nach Jahren, und dass er sich schleichend einstellt. Ich spürte den Nährstoffmangel in Form von zunehmender Erschöpfung, Krankheitsanfälligkeit, Antriebslosigkeit und auch seelischer Niedergeschlagenheit. Für Veganer ist die Zufuhr von Vitamin B12 mittels Tabletten praktisch unerlässlich, denn dieses lebenswichtige Vitamin entsteht ausschließlich durch Mikroorganismen. Ich nutze ein Produkt, das mehrere B-Vitamine enthält. Außerdem nehme ich ein sehr hochwertiges Eisenpräparat in flüssiger Form ein (Seitdem habe ich keine kalten Hände mehr.) wie auch andere Mineralien, z.B. Magnesium, Zink, Selen und Kupfer. Damit fühle ich mich fitter, als je zuvor in meinem Leben!

Manchmal werde ich gefragt, ob ich denn keinen Sinn für Genuss hätte. Hierzu kann ich nur sagen, dass es meine Art zu genießen ist, nicht unter einem schlechten Gewissen leiden zu müssen, nachdem ich einmal mehr über die Stränge geschlagen habe, und mich gesund und rundum wohl in meiner Haut zu fühlen. Trau Dich, Deinen eigenen Weg zu finden.

3 Kommentare

  1. Sebastian

    Das ist ein hochinteressanter Bericht über Deine Nahrungsmittelwahl. Da Du das alles selbst über eine lange Zeit an Dir getestet hast, möchte ich Deine Entscheidung(en) nicht kritisieren. Eine Frage habe ich aber: Achtest Du bei Deinem hohen Tofu-Konsum darauf, welches Gerinnungsmittel verwendet wurde oder machst Du Deinen Tofu sogar selber?

    • Parameshvara

      Hey Sebastian, danke für Dein Interesse. Du darfst gerne auch kritisieren. Dafür unter anderem ist die Kommentarfunktion ja schließlich da. Ich esse Tofu, der mit Nigari (Magnesiumchlorid) hergestellt wurde. Selber machen kommt für mich derzeit nicht in Frage. Was meinst Du dazu?

      • Sebastian

        Immer wenn ich mal eine Packung Tofu in der Hand habe, frage ich mich, wie gesund diese Gerinnungsmittel sein können. Magnesiumchlorid hört sich ja noch o.k. an. Lese aber oft Ca- oder Mg Sulfat. Hört sich nicht so lecker an. Sollte man also drauf achten, oder?
        Ich habe ein Rezept mit Zitronensaft. Werde ich mal probieren und berichten.
        (Bin selber nicht Vegetarier. Habe neulich was von “Flexitarier” gelesen, völlig alberne Bezeichnung, wahrscheinlich unterschreite ich noch die Wochendosis dieses Begriffs …)

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