Der Begriff Guna meint eine elementare Eigenschaft, die einen jeden Gedanken und ein jedes Ding zu genau dem machen, was er oder es ist. Und tatsächlich bedeutet das Wort „Guna“ zunächst einmal nichts anderes als „Eigenschaft“. Im Vedanta fungiert dieses Wort jedoch darüber hinaus als Oberbegriff für drei grundlegende Eigenschaften, die in allen unterschiedlichen Erscheinungen des Universums in jeweils unterschiedlicher Gewichtung enthalten sind. Wahrscheinlich ist es aber zutreffender, wenn wir hier nicht von Eigenschaften sprechen, sondern von den elementaren Kräften, die unserer Welt erst ihre Gestalt verleihen. Ohne diese drei elementaren Kräfte gebe es nämlich überhaupt keine Schöpfung. Diese drei Kräfte sind Sattva (Reinheit, Helligkeit), Rajas (Unruhe, Aktivität) und Tamas (Trägheit, Dunkelheit). Alles, was uns in der Welt begegnet, jedes Ding, jedes Lebewesen, jeder Mensch, jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat beinhaltet alle drei Kräfte oder daseinsstiftende Qualitäten. Das wir uns und die Welt um uns herum als real empfinden, setzt die Existenz aller drei Gunas voraus. Aber allein Sattva zählt zu den Nyamas, zu den yogischen Tugenden. Wer sich auf den spirituellen Weg begibt, muss sich zuerst einmal läutern. Ohne Sattva ist kein Erfolg möglich. Deswegen sollte sich jeder Schüler nach Kräften bemühen, sich zu reinigen und Sattva zu erlangen.

Die Gottheit Shiva ist das Leitbild der Yogis. Shiva steht aber nicht nur für Vollkommenheit in Sattva, sondern darüber hinaus für das Transzendieren aller drei Gunas und somit für deren vollkommenen Einklang, symbolhaft dargestellt durch drei waagerechte Aschestriche auf seiner Stirn. Meisterschaft im Yoga zu erlangen bedeutet, dass der Übende sein Bewusstsein bis zu einem Grad transzendiert, der es ihm erlaubt, die eigene Person als eines mit allen Dingen und Wesen um ihn herum zu erleben. Dieser Zustand wird erreicht, wenn der Übende auf der kausalen Ebene erwacht, wenn er sich des Karana Sharira, seines sogenannten Kausalkörpers, des höchsten seiner drei Körper (Stuhla Sharira; Sukshma Sharira; Karana Sharira) bewusst wird. Was Karana Sharira bedeutet, ist kaum in Worte zu fassen. Anders als bei Stuhla Sharira, dem physischen Körper und Sukshma Sharira, dem feinstofflichen Körper, ist der Begriff „Körper“ für Karana Sharira nur in einem sehr bedingten Maß zutreffend. Um Karana Sharira zu erfahren, muss sich der Übende in Samprajnata Samadhi befinden, dem Zustand, in dem alle Dinge zu einem Ding werden, alle Personen zu einer Person, in dem alle Verstrickungen des Lebens als sinnvoll erkannt werden und in dem alle Zeiten zu Gegenwart werden, in dem der Übende die eigene Person als eines mit der Gottheit erfährt und in dem alles einschließlich der Schmerzen und Tragödien der anderen Daseinsebenen als reine Freude erfahren wird. Damit geht es notwendigerweise einher, dass der Übende auch alle drei Gunas integriert. Hier, aber eben erst hier, erfüllt sich die Aussage des Mantra „shivoham“, „Shiva {bin} ich”. Da Samadhi aber bei allen, die auf der physischen Ebene handeln möchten, nur ein vorübergehender Zustand sein kann, sollte man sich auch als Fortgeschrittener nach Kräften um Sattva bemühen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es nicht nur in Indien, sondern ebenso in anderen Kulturen die Idee einer zweifachen Schöpfung gibt: Der Schöpfung erster Teil – zuweilen spricht man hier tatsächlich auch von einer ersten Schöpfung – wäre demnach die kausale Ebene, oft umschrieben als eine Art gedanklicher Regung oder als eine Art tonloser Schwingung. Diese erste Bewegung, noch bevor es etwas zu bewegen gibt, diese Schwingung, noch bevor es etwas wie Töne gibt, heißt auf Sanskrit „Spandana“. Der Klang „Om“, den die Inder „Pranava“ nennen, ist das hörbare Manifest dieser ersten, göttlichen, noch unhörbaren Schwingung. Deshalb ist Pranava der heiligste aller Mantras. In Spandana sind alle drei Gunas bereits enthalten. Jedoch befinden sie sich noch beieinander und in vollendeter Ballance. Die Dinge sind somit noch nicht verschieden voneinander; alles ist noch eins; ein Zustand himmlischer Formlosigkeit, der sich in Sanskrit „Avyakta“ nennt, das was ohne klare Form ist. (Parallelen zur biblischen Überlieferung des paradiesischen Zustandes der Welt vor dem Sündenfall mag, wer will, erkennen. Eine genaue Betrachtung dessen wäre sicher interessant, führt aber hier zu weit.) Erst in einem zweiten Schritt der Schöpfung kommt es zu etwas, das man als eine Art Erschütterung dieser Urschwingung bezeichnen könnte, als eine Störung der perfekten Harmonie. Auch die Gunas kommen dadurch in Bewegung und es entstehen die vielfältigen und sich ständig wandelnden Erscheinungen der Welt, in der wir leben. Die Welt wird damit komplexer – und unser Dasein allmählich komplizierter. Sattva verhilft uns zu einem klaren Blick für das Wesentliche. Mit Hilfe von Sattva ist es uns möglich uns jederzeit mit unserer göttlichen Quelle zu verbinden und, wenn auch nur für einen Moment, auf der kausalen Ebene den Grund unseres irdischen Daseins zu erfahren.

Sattva, Reiheit, kann sich auf viele Aspekte unseres Lebens beziehen: Lauterkeit in Gedanken und Emotionen, berufliche Integrität, ordentliche Kleidung, eine saubere Wohnung, einen aufgeräumter Arbeitsplatz, einen geregelten Tagesablauf, körperliche Reinheit, Verzicht auf krank machende Substanzen wie Drogen, eine gesunde, yogische Ernährung und sexuelle Mäßigung. Es würde zu weit führen auf alle eben genannten Punkte genau einzugehen. Daher möchte ich hier nur auf die Punkte eingehen, die eng mit dem eigenen physischen Körper zu tun haben, da sie im Detail die meisten Fragen aufwerfen und da sie bei sehr intensivem Üben – insbesondere bei intensiver Pranayama-Praxis – unabdingbar für die körperliche und mentale Sicherheit und Gesundheit des Übenden sind. Auf der feinstofflichen Ebene bewirkt Sattva die Reinigung der Nadis, der feinen Bahnen, durch die unser Prana, unsere Lebensenergie fließt. Diese ist die Grundvoraussetzung für Gesundheit, Sicherheit und Erfolg im Pranayama.

Bezogen auf Deine Ernährung bedeutet Sattva den Verzicht auf Fleisch (auch nicht Fisch, Geflügel, Wurst, Fleischbrühe, Gelatine), Eier (auch nicht in Gebäck oder Süßspeisen), Zucker (keine Mono- und Disaccharide), Knoblauch, Zwiebeln, Frühlingszwiebeln, Lauch, Bärlauch, Schnittlauch (auch nicht als Bestandteil in Soßen oder Gewürzmischungen), Pilze, Verschimmeltes, Fermentiertes, Vergorenes und Essig. Auch alle weichen Drogen solltest Du strikt meiden: Alkohol, Zigaretten (auch Passivrauchen), Kaffee, schwarzer, grüner und weißer Tee, sowie alle alkohol- koffein- oder teeinhaltigen Mischgetränke. Dass Du von härteren Drogen die Finger lassen solltest, versteht sich von selbst. Frisches, Rohes oder nur kurz Gegartes, einfach und natürlich Zubereitetes solltest Du gegenüber Konservennahrung, Tiefkühlkost, Frittiertem oder übermäßig Gewürztem bevorzugen. Iss weder Unreifes noch Überreifes. Nimm Deine Mahlzeiten ganz in Ruhe und ohne Nebenbeschäftigung (Lesen, Fernsehen, zu viel Reden) ein. Lass Deinem Körper die nötige Zeit um zu verdauen und sich zu entgiften. Gewöhne Dir daher alles Naschen und ständige kleine Zwischenmahlzeiten ab. Beschränke Dich zu Zeiten intensiver Yoga-Praxis auf zwei Mahlzeiten pro Tag. Fasten ist eine gute reinigende Vorbereitung, jedoch zu Zeiten intensiver Atem- und Energieübungen unter Umständen sehr schädlich. Du solltest stets ausreichend, aber auch nicht zu viel essen. Diese Punkte stellen nicht einfach nur Empfehlungen, sondern vielmehr unbedingte Voraussetzungen für fortgeschrittenen Pranayama, so wie wir ihn an erfahrenere Schüler unterrichten, dar. Die Ernährungsregeln müssen mindestens vier Wochen vor Beginn einer intensivierten Praxis streng eingehalten werden und sollten danach so weit es eben geht beibehalten werden.

In einer bestimmten Phase der Praxis kann es hilfreich sein, die Reinigung und Entgiftung des Körpers aktiv zu unterstützen. Im Hatha Yoga gibt es dafür die sechsfache (Reinigungs-)Handlung (Shatkriya), nämlich die Augenreinigung durch das Starren auf eine Kerze (Trataka), die Lungenreinigung durch kurze Atemstöße (Kapalabhati), die Reinigung der Nasengänge durch wechselseitiges Spülen mit Salzwasser (Jala Neti), die Nasenreinigung mit Hilfe einer gewachsten Schnur (Sutra Neti), die Reinigung des Magens durch langsames Verschlucken und Herausziehen einer gewässerten Mullbinde (Dauti), die Reinigung des gesamten Verdauungstrackts durch rhythmische Bewegungen der Bauchmuskulatur (Nauli) und die Reinigung des Enddarms indem man mit Hilfe eines in den Anus eingeführten Rohrs Wasser in den Darm einzieht und wieder ausstößt (Bhasti). Dies sind sie sechs Reinigungshandlungen wie sie schon von Svatmarama in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben wurden. Sehr wirksam ist außerdem das Trinken und gesteuerte Erbrechen einer großen Menge lauwarmen Salzwassers (Kunja Kriya) und das Trinken und anale Ausscheiden einer großen Menge lauwarmen Salzwassers (Shank Prakshalana).

Die alten Reinigungsrituale der Yogis wirken auf uns Westler zugegebenermaßen seltsam. Für die oben beschriebenen Handlungen brauchst Du die Anleitung eines fachkundigen Lehrers. Gerne beraten wir Dich dazu. Tägliches Zähneputzen, Zungeschaben und Duschen verstehen sich für alle von uns von selbst. Mit wieviel Eifer Sattva anzustreben ist, muss jeder für sich entscheiden (Wie schon erwähnt: Bei sehr intensiver Praxis sind manche Punkte im Sinne der eigenen Sicherheit unabdingbar.) Sattva ist eine der zentralen Tugenden eines echten Yogi; dies bleibt unbestritten. Der eine oder andere wird aber auf seinem Weg die Erfahrung machen, dass sich durch eine starke Konzentration auf Sattva früher oder später eine gewisse Intoleranz gegenüber Situationen, Dingen und Menschen bildet. Spätestens dann ist es an der Zeit sich bewusst zu machen, dass Sattva zwar eine der yogischen Tugenden aber eben nicht die einzige yogische Tugend ist. Im Grunde geht es bei Sattva immer um die Reinheit des eigenen Herzens!

Im Glossar (siehe Sidebar) findest Du eine Erklärung aller rot markierten Begriffe sowie die für die Aussprache maßgebliche Schreibweise in Devanagari und IAST.