Wer etwas für den Rücken tun will, Entspannung sucht oder Spaß an der körperlichen Herausforderung hat, geht ins Yoga. Viele praktizieren Yoga, denn Yoga tut gut. Und weil viele Yoga machen, gibt es viele, die Yoga unterrichten. Aber sind das alles Yogis? Wer schon einmal einem Inder erzählt hat, dass er Yoga praktiziert, der hat wahrscheinlich die Erfahrung gemacht, dass dieser etwas ungläubig lächelt, oder sogar ganz unverblümt seine Zweifel kundtut, dass man wirklich wüsste, wovon man da rede. Yoga ist ein großes Wort. Auch den Begriff „Yogi“ bzw. „Yogin“ und in der weiblichen Form „Yogini“ sprechen Inder voller Ehrfurcht aus. Heute noch ist ein Yogi oder eine Yogini für viele Inder ein Mensch, dem man aufgrund seiner Bescheidenheit, Naturverbundenheit, Herzensgüte, Frömmigkeit und Disziplin Bewunderung wenn nicht sogar Verehrung entgegenbringt. Man spricht die Yogis mit Ehrenbezeichnungen wie Svamiji (ehrwürdiger Meister), Mataji (ehrwürdige Mutter), Mahatma (große Seele) u.ä. an. Was jedoch muss man tun, um ein Yogi oder eine Yogini zu werden? Einfache Antwort: Man muss leben wie ein Yogi.
1.) Praktiziere täglich!
Kein Tag ohne Pranayama, Surya Namaskara, Asanas, Meditation, Mantra-Rezitation, Bhajan-Singen. Täglich heißt hier wirklich täglich, also nichts anderes als sieben Tage die Woche. Wenn Du krank bist, dann pausiere und sammle Deine Kräfte, damit sich Dein Organismus rasch erholen kann (Positives Denken, Beten, Affirmationen und reduzierte, leichte Ernährung oder eventuell kurzes Fasten fördert Deine Genesung.)
2.) Stehe früh auf!
Beginne mit Deinen Übungen so früh, dass Du bei Sonnenaufgang mit allem fertig bist. Das Brahma Muhurta, die Stunde des Brahma (ein Zeitraum von 48 Minuten, der ca. zwei Stunden vor Sonnenaufgang beginnt), gilt als die am besten geeignete Zeit um zu üben. Geh morgens sehr sanft mit Deinem Körper um, aber streng Dich dennoch an. Sieh zu, dass Du frisch bist, wenn Du übst. Zumindest solltest Du Dir die Zähne putzen, die Zunge schaben, eventuell Jala Neti (Nasenspülung) durchführen und Dir das Gesicht und die Augen mit kaltem Wasser reinigen. Trage möglichst wenig Kleidung. Du kannst auch ganz nackt üben. Der Raum sollte trotzdem gut gelüftet und im Winter, wenn überhaupt, nur wenig geheizt sein (18 ℃ genügen vollkommen.). Die Beleuchtung sollte ebenfalls spärlich sein.
3.) Gehe zeitig zu Bett,
aber nicht zu früh. Für einen Erwachsenen sind je nach persönlicher Konstitution und Alltagsbelastung sechs bis sieben Stunden völlig ausreichend. Achte darauf, genügend zu schlafen; schlafe aber auf gar keinen Fall zu viel. Menschen, die zu Trägheit neigen und das Gefühl haben, sie könnten ewig schlafen, sollten eher weniger schlafen, als sehr aktive. Dein Rythmus wird sich schon nach zwei Tagen daran gewöhnen und Du wirst schlafen wie ein Baby. „Schlafstörung“ wird ein Fremdwort für Dich.
4.) Übe Mauna,
d.h. sprich nicht vor und während Deiner Sadhana. Übe am besten allein, damit Du möglichst wenig abgelenkt bist und zu Dir selbst findest. Sprich nicht andauernd über Alles und Jeden. Meide die Gesellschaft von Lästermäulern. Fluche nicht. Sprich stets positiv von anderen Menschen oder sei still, wenn Du nichts Positives zu sagen hast. Sprich stets die Wahrheit. So werden Deine Worte kraftvoll und klar.
5.) Halte Dich an die Yamas und die Niyamas!
Jeder der Yoga übt, sollte die Yamas und die Niyamas aufzählen können und sie, was wichtiger ist, leben. Wir sind alle nicht perfekt, aber streng Dich dennoch an, ein guter Mensch zu sein. Blicke dabei nie auf andere herab, sonst wird Dein Herz hart und kalt. Disziplin und eine konsequente Praxis sind kein Selbstzweck und führen nicht selten zu Arroganz und Härte.
6.) Achte auf Deine Ernährung!
Iss maßvoll, d.h. lass ein Drittel Deines Magens leer. Iss einfach, aber gut. Achte darauf, nicht zuviele Nahrungsmittel miteinander zu vermischen. Iss stets frische Kost, wenn möglich aus biologischem Anbau. Iss in Ruhe. Würdige Deine Nahrung als Geschenk von Mutter Erde. Schau Dir an, was Du isst, rieche es, schmecke es. Wenn es Dir nicht gefällt, dann iss es nicht. Iss vegetarisch – zum einen um keine Tiere zu verletzen, zum anderen weil Fleisch nicht zu den sattvigen (rein machenden) Nahrungsmittel gehört. Achte darauf Dich möglichst sattvig zu ernähren. Ernähre Dich von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Getreide und Milchprodukten (nach Deiner Konstitution gewichtet). Nimm alles möglichst naturbelassen zu Dir. Meide Konservennahrung, Fertiggerichte und Fast Food. Iss keine tamasigen (dumpf machenden) oder rajasigen (unruhig machenden) Nahrungsmittel, meide also strikt Fleisch (auch nicht Fisch, Geflügel, Wurst, Fleischbrühe), Eier, Zwiebeln, Knoblauch (und alle anderen Lauchgewächse wie Lauch, Bärlauch, Schnittlauch) Koffein, Teein, raffinierten Zucker, ein Zuviel an Salz, Vergorenes, Verschimmeltes, Überreifes, Fermentiertes, Alkohol. Blähungen, Verstopfung oder Durchfall sind ein Zeichen für falsche Ernährung. Eine Ernährung, die Sattva fördert, tut jedem Menschen gut, nicht nur demjenigen, der Yoga übt. Wer aber intensiv übt und die Techniken des fortgeschrittenen Pranayama anwendet, für den ist Sattva auch eine Frage der Sicherheit. Zigaretten und andere Drogen sind natürlich mit Yoga im Allgemeinen und Pranayama im Besonderen unvereinbar.
7.) Singe und lache viel!
Erfreu Dich am Klang Deiner Stimme. Übe das Singen. Schäme Dich nicht für Deine Stimme. Singen und Lachen sind auch Pranayama. Sie machen Dein Herz und Deine Atemwege frei. Deine Nadis werden durchlässiger. Singen und Lachen reinigen Deinen feinstofflichen Körper und die Atmosphäre um Dich herum. Jeder, der Yoga praktiziert, sollte viel singen. Lächle ab und zu während Du übst und freu Dich, dass Du in der Lage bist, Yoga zu praktizieren. Danke Gott dafür. Am besten ist es, wenn Du Bhajans singst, denn damit wiederholst Du ständig die Namen Gottes auf Sanskrit, der heiligen Sprache.
8.) Gib den Armen etwas,
wenn sie Dich um eine kleine Spende bitten. Sei großzügig; sei kein Geizkragen. Frage Dich niemals, ob jemand Deiner bescheidenen Gabe würdig ist, sondern freu Dich demütig darüber, dass Dir jemand die Gelegenheit gibt, etwas Gutes zu tun. Sei ihm dankbar dafür. Denke nicht über Deine gute Tat nach. Lass sie somit zu einer Selbstverständlichkeit werden.
9.) Sei sauber und ordentlich!
Halte Deinen Körper, Deine Kleidung und den Raum um Dich herum stets in Ordnung. Lass erst gar keine Unordnung aufkommen. Sammle nicht zu viel unnützes Zeug an. Bade oder dusche mindestens einmal am Tag. Trage nicht zu oft dunkle Kleidung, besonders nicht zum Yoga. Richte Dir zuhause einen kleinen Altar ein und pflege ihn mit Hingabe. Dann verfügst Du über einen Ort, der zum Üben geeignet ist.
10.) Lies die großen Yogaschriften
oder andere heilige Bücher! Denke darüber nach. Lass Dich inspirieren von den Geschichten derjenigen, die den Weg vor Dir gegangen sind. Fülle Deinen Geist mit erhebenden Dingen. Lerne etwas über Yoga. Manche werden sagen: „Yoga ist Praxis und nicht Theorie.“ Dennoch gibt es manches, von dem Du schon einmal gehört haben solltest, wenn Du bereits jahrelang übst. Bildung hat noch niemandem geschadet und Unwissenheit war noch nie eine Tugend. Du solltest Dir zumindest die wichtigsten Yogabegriffe auf Sanskrit aneignen. Schriften wie das Yoga Sutra, die Hatha Yoga Pradipika, die Bhagavadgita und einige der bekanntesten Upanishads sollten Dir halbwegs geläufig sein. Wenigstens rudimentäre Kenntnisse der Bibel gehören im christlichen Abendland zur Allgemeinbildung, auch für den, der Yoga praktiziert.
11.) Suche Dir den richtigen Lehrer!
Du brauchst einen Lehrer, der Dich inspiriert und vor dem Du Achtung empfindest. Wenn Du bei einem Lehrer bist, vor dem Du keine Achtung empfindest, dann ist es definitiv der falsche Lehrer für Dich. Der Unterricht ist dann bloße Zeit- und Geldverschwendung und verdirbt Dir die Freude am Yoga. Obwohl sich alle Schriften und Meister über den unübertroffenen und einzigartigen Stellenwert eines persönlichen Guru für den Fortschritt im Yoga einig sind, solltest Du nicht leichtfertig die Errungenschaften der westlichen Aufklärung über Bord werden. Gurukula, die Schülerschaft bei dem persönlichen Meister ist die größte Segnung des Yoga, aber ebenso der Bereich, der am schwierigsten in die westliche Kultur zu übertragen ist, und der immer wieder zu allen möglichen Entgleisungen führt. Denke selbst. Mach Dich frei von Gerede und Meinungen. Laufe nicht denen hinterher, die besonders laut sind. Gerade im spirituellen Bereich gibt es sehr charismatische Scharlatane. Das jemand etwas Besonderes kann, bedeutet noch lange nicht, dass er ein Meister ist. Höre immer aufmerksam zu und prüfe, ob Dich jemand in die Selbstständigkeit oder in die Abhängigkeit führen möchte. Der Guru beflügelt Dich in Deiner Yogapraxis.
12.) Sei frei!
Oder vielmehr: Erkenne, dass Du frei bist. Mache Dich nicht abhängig. Großkonzerne haben nur Macht über uns, solange wir ihre Produkte kaufen. Das Fernsehen kann uns nur dann verdummen, wenn wir es anschalten. Banken haben uns nur dann im Griff, wenn wir ihnen etwas schulden. Achte beim Annehmen von Gaben darauf, dass Du Dein eigener Herr bleibst. Mach Dir klar, wie wenig Du im Grunde brauchst. Entsagung ist eine der höchsten Tugenden im Yoga. Leiden kommt durch Anhaftung an Äußeres zustande. Genieße mit allen Sinnen, aber mach Dir ab und zu bewusst, dass Du Deinen Körper irgendwann verlassen wirst. Übe Dich in Entsagung. Du musst nicht ständig auf alles verzichten, aber Du solltest die Fähigkeit dazu entwickeln. Wahre Entsagung fühlt sich federleicht an, ist vollkommen mühelos und schafft Raum für Freude. Vergiss nicht, dass Du der Atman bist, das Bewusstsein, das alles um sich herum erschaffen hat, und das nichts braucht.
Streng Dich ruhig an. Das gibt Dir ein tolles Gefühl. Aber vergiss dabei nicht, Dich so zu lieben, wie du bist. Es freut uns, wenn Du Deine Erfahrungen mit uns teilst.

Ein Yogi bin ich sicher noch lange nicht, aber auch als Grihasthya hat man es nicht leicht – “Schlafen wie ein Baby” klingt immer sehr erstrebenswert, wenn man gerade kein Baby neben sich liegen hat, das etwa alle drei Stunden gefüttert werden will
Herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Manchmal ist die Lebenssituation so, dass es uns teilweise oder ganz unmöglich wird, sich auf etwas wie Yoga zu konzentrieren. Es kommt immer darauf an, was uns unsere Lebenssituation (Man könnte auch Karma dazu sagen.) erlaubt. Aber es lohnt sich immer, sein Bestes zu geben. Im Yoga wie auch bei allen anderen Dingen.
Mir gefällt der Text sehr gut, Danke !!!
…ich kenne einige Yoga Praktizierende, die dieses Wissen in Ihrem Unterricht/Ausbildungen nicht vermittelt bekommen, und immer wieder interessierte Fragen genau in diese Richtung stellen.
Klar fällt es einem meistens nicht gerade in den Schoß, ein Yogi/eine Yogini zu werden.
)
Für mich persönlich ist bei allem Streben dorthin wichtig, dass der Weg das Ziel ist, und es nicht darum geht, erst perfekt und glücklich zu sein, wenn man – welches Ziel auch immer – erlangt hat / so und so ist / diese und jene Eigenschaften entwickelt hat.
Mit jedem Atemzug, wird immer wieder klar, dass jedes einzelne ‘Hier und Jetzt’, jeder Moment in sich vollkommen ist.
An Swami Satyananda hat mir so gut gefallen, dass er betonte: ‘Du bist gut, so wie Du jetzt gerade bist.’ Dieses Bewußtsein ist eine wundervolle Grundlage, die viel positive Engergie freisetzt, auf/mit der man sich mit Freude entwickeln kann….hin zum Yogi/zur Yogini
Namaste, Kamala! Vielen Dank auch Dir! Wer auf der kausalen Ebene erwacht, erkennt, dass jeder Moment perfekt und voller Freude ist. Deswegen sprechen wir ja auf dieser Ebene auch von Anandamaya Kosha. Aber um den Geist auf diese Ebene zu bringen ist, jedenfalls für die meisten Menschen, doch einiges an Energie notwendig. Oft werden Begriffe wie „Yoga“ so zurecht gebogen, wie es sich gerade bequem anfühlt, und am Ende weiß dann niemand mehr etwas damit anzufangen. Yoga war noch nie während seiner langen Geschichte (vielleicht bis auf die letzten 20 Jahre im Westen) irgend so ein kuscheliges Wellness-Ding, sondern eher genau das Gegenteil davon. Und das hat überhaupt nichts zu tun mit Leistungsdenken oder Ehrgeiz, sondern mit der Freude daran, sich zu entwickeln. Ich gebe dir Recht: Das Sich-annehmen-Können und das Sich-lieben-Können ist von zentraler Bedeutung. Du sagst (wie viele andere): „Der Weg ist das Ziel.“ Stimmt. Das Ziel ist aber eben auch das Ziel
Namaste lieber Parameshvara,
hat ein bißchen in mir gearbeitet, Deine Antwort, daher erst jetzt mein Kommentar.
Yoga ist ein spezieller Weg, auf dem man/frau eine gewiße Art von Erfahrungen machen kann, und bestimmte Dinge lernen/entwickeln kann.
Es gibt auch eine Menge anderer Systeme, die den Menschen in seiner Entwicklung auch auf wunderschöne Art und Weise unterstützen können.
Jedes System bietet dabei andere Lernfelder, Erfahrungen, und verwendet dementsprechend unterschiedliche Bilder und Vokalbeln.
Vielleicht haben wir ‘das Ziel’ eh unbwewußt (oder, wer weiter entwicklelt ist, auch bewußt) in uns, und gehen den Weg, der uns unserem ‘Ziel’ näher bringt, ohne diesen bewußt zu steuern.
Welchen Weg das einzelne’Idividuum’ geht, auf welche Art und in welcher Geschwindigkeit, das kann viele Formen annehmen.
So bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass Yoga ein spezieller Weg für einige Menschen ist. Sie werden trotz aller Mühen und Disziplin, die einem dieser Weg abverlangt, immer wieder spüren/erfahren/’wissen’, dass eben dieser für sie der Richtige ist….und das übergeordnete Ziel, die Lernaufgaben, die wir uns mit auf die Erde genommen haben, passen eben genau zu diesem Weg.
Einen wunderschönen Tag wünsch ich Dir
Liebe Kamala,
ja, das empfinde ich genauso. Herzlichen Dank für Deine anregenden Gedanken.
Dir auch einen schönen Tag
… there are so many different ways of living …
Thank God