Vielleicht übst Du schon einige Zeit Yoga und bewegst Dich zuweilen in „Yoga-Kreisen“; dann hast Du sicherlich auch schon Leute kennengelernt, die sich mit einem indischen Namen vorstellen, obwohl es sich bei ihnen ganz augenscheinlich nicht um Inder handelt. Sie tragen einen spirituellen Namen – Grusel!!! ;-) Was genau ein spiritueller Name ist, und wie man ihn bekommen kann, liest Du hier:

Ist im Grunde nicht jeder Name spirituell?

Alle Namen, die mir spontan einfallen, und deren Bedeutung ich kenne, haben, zumindest im weiteren Sinn, eine spirituelle Bedeutung. Z.B. bedeuten die altdeutschen Namen Friedrich „reich an Frieden“ und Hartmut „in der Seele fest“, Freia war die Bezeichnung der Germanen für die Göttin der Fruchtbarkeit, Stefan, Martin und Nikolaus waren christliche Heilige und Maria war die Mutter Jesu, der ursprünglich aus dem griechischen stammende Name Katrin bedeutet „die Reine“ und Clara ist das lateinische Wort für „strahlend“ oder „hell“. Die Namen, die unsere Eltern für uns ausgesucht haben, tragen also alle eine schöne und tiefe Bedeutung in sich, so alltäglich sie uns auch erscheinen mögen. (Einzig die Sitte der alten Römer fällt mir hier als Ausnahme ein, ihre Kinder spätestens ab dem vierten nur noch zu nummerieren: Quartus, Quintus, Sixtus, usw.) Hinzu kommt noch ein persönliche Bezug, falls man nach einem älteren Familienmitglied benannt ist. Aufgrund seiner Wortbedeutung hat also so gut wie jeder Name eine spirituelle Wurzel. Trotzdem ist ein spiritueller Name etwas anderes. An unseren Alltagsnamen sind wir so sehr gewöhnt, das wir der tieferen Bedeutung nicht mehr unbedingt gewahr werden. Kaum wird uns noch ein erhebendes Gefühl durchströmen, wenn uns jemand damit ruft. Die Namen, die uns unsere Eltern gegeben haben, tragen wir schon seit unserer frühesten Kindheit. Ich heiße Mario nach meinem Vater und dessen Vater. Mein Vater hat mir schon im Kleinkindalter eröffnet, dass auch mein Erstgeborener dereinst diesen Namen tragen würde. Gegen diese Bestimmung empfand ich schon von Anfang an, und ich weiß nicht, wie klein ich war, einen Widerwillen, den ich auch kundtat. Unsere Geburtsnamen stehen also für das, was wir im Alltag heute sind, wozu wir erzogen wurden, für die Rolle, die wir spielen zu müssen glauben, und damit auch für eine gewisse Determiniertheit. Sie drücken das aus, was andere von uns erwarten. Manchmal möchten wir aber noch etwas anderes.

Wozu ein spiritueller Name?

Ein im Erwachsenenalter bewusst angenommener Name steht im Normalfall nicht für das, was andere im Alltag von uns erwarten, sondern er stellt etwas Freies und Ungewöhnliches dar: eine Vision, eine Hoffnung, ein Abenteuer, eine Rebellion. Deswegen nehmen auch Künstler, Heilige und Herrscher einen weiteren Namen an. Im Yoga, wie auch in anderen spirituellen Traditionen, zeichnet ein nach einiger Überlegung aus freier Entscheidung angenommener Name den ernsthaften Übenden aus. Wenn wir beginnen, Yoga zu üben, wollen wir uns entfalten, weiterentwickeln, unsere Möglichkeiten entdecken, uns auf eine innere Entdeckungsreise begeben oder auch über uns hinauswachsen. Ein spiritueller Name beflügelt uns in unserem Unterfangen und erinnert uns an das Ziel unseres Vorhabens. Er ist ein kurzes aber entschiedenes Bekenntnis zu unseren Idealen – auf Sanskrit nennt man das „Sankalpa“ – vor allem vor uns selbst. Jedes Mal, wenn wir bei unserem spirituellen Namen genannt werden, wird etwas Höheres in uns angesprochen; jedes Mal, wenn wir uns mit unserem spirituellen Namen vorstellen, erinnern wir uns daran, dass wir etwas Schönes und Gutes sind. Deswegen spricht man von einem spirituellen Namen. Im Übrigen weiß jeder Yogi, dass in Wahrheit keiner von uns durch irgendeinen Namen erfasst werden kann, da unser Wesen grenzenlos ist. Der Name nützt dem Schüler nur insofern, als dass dieser ihn nicht als Begrenzung sondern als Inspiration empfindet.

Wie kommt man zu einem spirituellen Namen?

Im Yoga gibt es keine starre Regel, wann jemand einen Namen bekommt. Man muss keinen Namen annehmen, um ein ernsthafter Sadhaka zu sein. Des Öfteren, aber keinesfalls notwendigerweise, ist die Namensvergabe mit einem bestimmten Abschnitt auf dem Übungsweg verbunden, oft mit einer Mantra Diksha oder mit dem Beginn einer fortgeschrittenen Sadhana. Wenn ein Übender sich einen Namen wünscht, ist er im Allgemeinen auch reif für einen solchen. Manche Menschen geben sich einfach selber einen spirituellen Namen. Ich habe selbst eine Zeit lang darüber nachgedacht. Im Laufe der Jahre habe ich drei Leute kennen gelernt, die das gemacht haben; eine davon hat ihren Namen geträumt. Dazu ist natürlich auch kein Lehrer nötig. Eine Nama Diksha allerdings bedeutet grundsätzlich, dass der Aspirant den Namen durch seinen Lehrer erhält, und auch, dass jener den Namen vorher nicht kennt. Der Gedanke allein erscheint unheimlich, und der tatsächliche Schritt erfordert etwas Vertrauen und Mut. Aber genau dieser Schritt macht eine Diksha besonders. Daraus erwachsen, auch das sei erwähnt, keinerlei Verpflichtungen und es bleibt allein dem Schüler überlassen, ob und wann er seinen Namen wieder ablegt. Mit dem Namen möchte der Lehrer dem Schüler die selbe Freude zuteil werden lassen, die auch er einst bei seiner Nama Diksha erfahren hat. Ich werde die Namensvergabe übrigens mit keinem förmlichen Ritual verbinden, sondern einfach kurz den Namen nennen sowie dessen korrekte Aussprache und Bedeutung erklären.

Warum sind spirituelle Namen im Yoga immer Sanskrit-Namen?

Jeder Gedanke hat ein energetisches Muster, dessen Schwingungen sich im Klang eines Wortes manifestieren können. Umgekehrt lassen sich durch den Klang von Worten diesen entsprechende energetische und gedankliche Muster hervorrufen. Bis heute verehren und nutzen Yogis das Sanskrit, die Sprache in der die heiligen Schriften Indiens verfasst wurden, weil sie wissen, dass sich darin – wie vielleicht in keiner Sprache sonst – gedankliche Energie und Wortklang decken. Klänge, die das Abbild besonders schöner und tiefer Gedanken sind, nennt man Mantras. So gesehen ist jeder spirituelle Name im Yoga ein Mantra. Die Besonderheit eines spirituellen Namens liegt somit bei Weitem nicht nur in der Bedeutung des Wortes, sondern im Klang selbst. Es ist die Aufgabe des Lehrers, die besonderen Fähigkeiten und Anlagen des Schülers zu erkennen, durch einen gegeigneten Namen anzusprechen und dadurch zu fördern. In den Traditionen der Schamanen und Sufis gibt es dazu sicherlich Parallelen.

Wann sollte man seinen spirituellen Namen benutzen?

Wann es angebracht ist, sich mit seinem spirituellen Namen vorzustellen, und wann nicht, ist eine Frage die sich nicht pauschal beantworten lässt. Es kommt auf die Situation an, auf die Person und auch ein wenig auf den Namen. So hat z.B. mein Name, Parameshvara, fünf Silben, was allein schon viele Menschen überfordert. Auch sollte man darauf gefasst sein, dass man nach der Bedeutung des Namens gefragt wird. Die Bedeutung meines Namens („Parama“ bedeutet „höchster“ und „Ishvara“ „Gott“.) ist für Inder etwas ganz Alltägliches und auf jeden Fall Erfreuliches, ein Deutscher jedoch, der mit Yoga nichts am Hut hat, muss mich für schwer größenwahnsinnig halten. So empfiehlt es sich, nicht ausnahmslos in jeder Situation auf der Anrede mit unserem spirituellen Namen zu bestehen, insbesondere dann nicht, wenn es gerade darauf ankommt, alltäglichen Erwartungen zu genügen, z.B. wenn wir auf der Sparkasse die Ausdehnung unseres Dispo beantragen. Erfahrungsgemäß reagieren die eigenen Eltern und alte Freunde, sofern sie früher nicht selbst durch Indien getrampt sind, mit Unverständnis. Auch sollte es uns nicht allzu sehr verwundern, dass unsere Lieben gar an unserer geistigen Gesundheit zweifeln, wenn wir sie zeitgleich mit neuem Namen und neuen Ernährungsgewohnheiten überraschen. Man sollte sich zwischendurch bewusst machen, was man seinen Mitmenschen abverlangt. Und wer möchte schon ständig und von allen als Paradiesvogel angesehen werden? Trotzdem sollen wir zu unserer Lebenseinstellung stehen. Nach einigen speziellen Erfahrungen findet man hier aber mit Sicherheit die goldene Mitte.

Falls Du auch einen spirituellen Namen bekommen möchtest, sag mir einfach Bescheid. Nur Mut – Du wirst es garantiert nicht bereuen!

Im Glossar (siehe Sidebar) findest Du eine Erklärung aller rot markierten Begriffe sowie die für die Aussprache maßgebliche Schreibweise in Devanagari und IAST.